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Vom Sorgenkind zum Wundergreis –
Bazon Brock zieht Bilanz zum Siebzigsten und
sammelt Grabbeigaben für seine Generation. |
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Ankündigung der Präsentationen
und Action Teachings von Bazon Brock in Karlsruhe, Frankfurt, Köln,
Hannover, Wuppertal, Graz, München, Berlin, Leipzig, Zürich
und Hamburg im Laufe des Jahres 2006.
Lustmarsch durchs Theoriegelände
Ästhetik einer schweren Entdeutschung
Souverän ist, wer den Normalfall garantiert.
Mit Liturgien und Performances der Memorialmiliz.
03.03. – 14.03. 06 Karlsruhe, ZKM
25.03. – 05.04.06 Frankfurt, Schirn Kunsthalle
26.04. – 06.05.06 Köln, Museum Ludwig
14.05. – 25.05.06 Hannover, Kestnergesellschaft
02.06. – 13.06.06 Wuppertal, Von der Heydt-Museum
23.06. – 02.07.06 Graz, Neue Galerie
15.07. – 26.07.06 München, Haus der Kunst
31.08. – 10.09.06 Berlin, Contemporary Fine Arts
19.09. – 29.09.06 Leipzig, Museum der bildenden Künste
07.10. – 18.10.06 Pfaeffikon/Zürich, Perforum
16.11. – 26.11.06 Hamburg, Sammlung Falckenberg
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Jede Präsentation besteht aus den nachfolgend skizzierten elf
Topologien, mit denen Bazon Brock sich 50 Jahre lang in Literatur, Theater,
Ästhetik, Film, Fernsehen, Hörfunk, Action Teaching und Ausstellungen
beschäftigt hat. Diese Resultate werden in einem Theoriegelände
positioniert. Auf rund 300 qm wird das Theoriefeld wie ein Englischer
Garten mit elf Themeninseln geboten. Bei kleinteiligeren Ausstellungsräumen
sind entsprechende Variationen der Aufbauten vorgesehen. Auch ist vorgesehen,
für jeden der elf Präsentationsorte eines der elf Themen besonders
hervorzuheben und mit einer Performance zu begleiten. Die Zuordnung von
Themen zu Präsentationsorten folgt der Arbeitsbiographie von Bazon
Brock; ihr folgt auch die Auswahl der Institute, denn Brock arbeitete
sowohl in Museen, Kunsthallen, Kunstvereinen als auch in Forschungszentren,
Hochschulen und Galerien.
Dieser Arbeitsbiographie entsprechend wird an jedem Präsentationsort
der jeweiligen Stadt ein Thema in besonderer Weise zugeordnet und durch
ein spezifisches Gefäß repräsentiert (Brock als Behälterwissenschaftler).
| Karlsruhe |
Vase + Schwamm – Die Normative Kraft des Kontrafaktischen |
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Karfreitagsphilosophie | Der Faschist als Demokrat |
| Frankfurt |
Kathedrale für den Müll – Fininvest |
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Gott und Müll |
| Köln |
Vitrine – Musealisierung als Zivilisationsstrategie |
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Avantgarde – Arrièregarde – Retrograde |
| Hannover |
Wohnzimmer – Selbstfesselungskünstler gegen Selbstverwirklichungsbohème |
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Professionalisierung der Betrachter, Patienten, Wähler, Konsumenten |
| Wuppertal |
Instant Housing – Leben als Baustelle | Schönheit des
Häßlichen |
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Scheitern als Form der Vollendung | Hominisierung vor Humanisierung |
| Graz |
Rettungsbombe – Rettungskomplett | Gorgonisiert Euch! |
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Revolution des Ja |
| München |
Sarkophag – Uchronie | Extratemporale Zonen |
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Ewigkeitsmanagement |
| Berlin |
Sandkasten – Eine schwere Entdeutschung |
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Widerruf des 20. Jahrhunderts |
| Leipzig |
Laufstall – Pathosinstitut AZ |
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Opferolympiaden |
| Zürich |
Bunker – Verbotener Ernstfall – Gottsucherbanden |
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Kultur und Strategie |
| Hamburg |
Marktstand – Kunst als Evidenzkritik |
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Erkenntnisstiftung durch kognitive Objekte/Fakes |
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Brock führt täglich das Publikum mit einem 60minütigen
Gewaltmarsch und einem 240minütigen Lustmarsch durch alle Themenfelder.
Für die Teilnehmer der Lustmärsche (4 Stunden) ist jeweils ein
Essen vorgesehen, das die Tagesschwerpunkte assoziiert.
An jedem Präsentationsort werden hoffentlich je ein Freund und ein
Feind der Brockschen Arbeit mit ihm einen Diskurs führen –
Veranstalter der Diskurse ist der seit 1988 eingetragene Verein „Helfen
sie mit, Bazon Brock zu lieben“ e.V. Bonn.
Zu jeder Themeneinheit gibt es das Angebot eines multiplen theoretischen
Objekts/kognitiven Objekts für den Museumsshop:
- Demonstrierte Selbstbezüglichkeit – das Bürsten der
Bürsten.
- Rohr und Rebe
- Goldflecken im Bett / Liebe eines Literaten
- Beten im Museum verboten!
- Gorgonisiert Euch!
- Buddhistenstiefel
- Goldene Eßstäbchen
- Nietzsches Gäule
- Schmückende Uchronie
- Sfumato-Horizont
- Urmeter aus Gummi
Die Theoriedemonstrationen dauern an jedem Ort 10 Tage plus 1 Performancetag.
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Grafikdesign: Gertrud Nolte, Botschaft Nolte, Düsseldorf
Ausstellungsdesign: Jürg Steiner, Wuppertal
Ausstellungsrealisation: Friedhelm Schöler, Köln
Ausstellungsbau, Transport, Siebdruck: Uwe Rachow, Düsseldorf
Büro, Koordination: Danny Freytag
Recherche, redaktionelle Betreuung: Dr. Martin Reuter, MA Christian Bauer
Entwürfe, theoretische Objekte, Performances, Animationen, Texte:
Bazon Brock
Da Peter Weibel das Gesamtprojekt in 2007 bei MIT in englischer und
beim Fink-Verlag in deutscher Sprache veröffentlichen will, wird
es zu den einzelnen Präsentationen keinen Katalog geben. Wir werden
aber eine größere Anzahl von bereits vergriffenen Brock-Publikationen
zu Niedrigstpreisen anbieten.
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1. Die Normative Kraft des Kontrafaktischen | Karfreitagsphilosophie
| Der Faschist als Demokrat
Thementotem und Performancerahmen für ZKM | Zentrum für Kunst
und Medientechnologie Karlsruhe
„Wenn die Wirklichkeit nicht mit unseren Konzepten übereinstimmt,
umso schlimmer für die Wirklichkeit; jetzt erst recht!“, bekennen
wir pathetisch – das nennen wir idealistisch – und huldigen
der Gesetzeskraft des Kontrafaktischen, des Ausgedachten, der Fiktionen
mit dem Bekenntnis: Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode.
Aber dem Karfreitagspathos der Gottesmörder folgt immer ein österlicher
Katzenjammer. Ihn bezeugt gegenwärtig das westliche Demokratieverständnis,
dem zufolge es nicht das gleiche ist, wenn zwei dasselbe tun. Also bloß
kein schlechtes Gewissen bei Angriffskrieg, Eugenik, Euthanasie, Vertreibung
als Partizifizierung, Verwaltungshaft als Schutzhaft, wie sie insgesamt
von veritablen Demokratien gerechtfertigt werden. Der „Wandel durch
Annäherung“ war so erfolgreich, wie er uns lieb war. Wir haben
uns also bei vollem politischen Bewußtsein den totalitären,
fundamentalistischen Regimen weitgehend anverwandelt.
Bezug auf Brocks Huldigungsadressen für Heinrich
Klotz.
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2. Fininvest – Gott und Müll
Thementotem und Performancerahmen für Schirn Kunsthalle Frankfurt
Der Atompilz, das Gehirn am Stängel, garantiert Ewigkeit; Gott
ist nicht mehr eine Frage des Glaubens, sondern der Endlagerungssicherheit.
15.000 Jahre Kulturdauer (kleinste Halbwertzeit) hat bisher keine Macht
garantiert, aber wir. Wir bauen Kathedralen für den strahlenden Müll
mitten in unsere Städte. Das Containment erproben die Museen, die
Rituale entwickeln Performance-Künstler, die Liturgien entnehmen
wir der Beteiligung an der universitären Selbstverwaltung.
Neue Modelle für die Kathedralen Breitscheider Kreuz, Weinbrenner
Platz (Karlsruhe), Düsseldorfer Kö-Teich etc. sind von Winfried
Baumann fertig gestellt worden; item Tempelverkleidung für Müllwagen
und Ritualgewandung für Müllmänner. Berlusconi macht klar:
Kapitalismus ist Fininvest – so nannte er die Dachfirma seiner Unternehmungen.
Die Auferstehung durch Untergang war und ist die probate Ideologie der
Apokalyptiker; gnostisches Denken beherrscht die Moderne Kunst. Also:
investieren wir freudig in unseren Untergang!
Bezug auf Brocks Beiträge zur Experimenta 1, 2 und
3; Performances in den Galerien dato Loehr und Sydow; 10 Jahre Kunstmarkt
Besucherschulen, Donnerstagsmanifeste, Bloomsdayfeiern |
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3. Musealisierung als Zivilisierungsstrategie
Avantgarde – Arriéregarde – Retrograde
Thementotem und Performancerahmen für Museum Ludwig, Köln
Die Betonung des Neuen in allen Kunstavantgarden ist eine Herausforderung,
die häufig durch Aggression, Leugnung oder Flucht des Publikums erledigt
wird. Professionalisierte Betrachter gehen vernünftiger vor. Wenn
das Neue wirklich neu ist, ist es ja unbestimmt, also kann man von diesem
unbekannten Neuen nur mit Bezug auf das bekannte Alte sprechen. Wer sich
dazu etwa durch die deutschen Expressionisten anregen ließ, sah
einen Maler des Barocks wie El Greco mit völlig neuen Augen. El Greco
wurde gleichsam zum Zeitgenossen der Expressionisten. Die gesamte Moderne
ist in dieser Vergegenwärtigung von Vergangenheiten als höchst
bedeutsame Erweiterung der gegenwärtigen Ressourcen extrem erfolgreich
gewesen. Avantgarde verabschiedet sich nicht aus den Traditionen, sondern
hält sie in immer neuer Sicht präsent.
Die vielen Neugründungen und Neubauten von Museen sind Ausdruck des
geschichtlichen Fortschritts, denn der Fortschritt zielt auf die weitestgehendste
Präsenz aller Vergangenheiten in einer Gegenwart. Musealisierung
ist die Strategie des Fortschritts, vor allem der Zähmung des Mutwillens
von Kulturkämpfern, Testosteronkriegern, Virilblutern und ihrer ideologischen
Betreuer. Nur wenn die Zivilisierung jener Kulturbarbaren gelingt, besteht
Aussicht auf Normalität.
Bezug auf diverse Ausstellungen als Konfrontation der
Avantgarden mit der Kunstgeschichte und die Themen der Kölner Konferenz
für Kunsttheorie 1972; Performances in der Galerie Zwirner; diverse
Filme und Hörspiele zu Action Teachings mit dem WDR |
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4. Selbstfesselungskünstler gegen Selbstverwirklichungsbohéme
Thementotem und Performancerahmen für Kestnergesellschaft, Hannover
Seit 1968 hat Brock zahllose Besucherschulen in Ausstellungen geboten.
Zwei Gedanken sind maßgeblich: Wer eine Auswahl von Werken als kuratorische
Leistung beurteilen soll, muß die Werke kennen, die vom Kurator
nicht in die Ausstellung aufgenommen wurden. Eine Besucherschule repräsentiert
in einer Ausstellung die nicht gezeigten Werke. Das ist keine bloße
Paradoxie, sondern als Zeigen des Nichtgezeigten eine grundlegende Erkenntnisleistung
für jedes Urteil über das Gezeigte. Mit den Besucherschulen
folgt Bazon Brock auch dem nahe liegenden Gedanken, daß die Zuschauer,
Betrachter, Zuhörer, Besucher (wie Patienten, Konsumenten, Wähler)
im gewissen Grade professionalisiert werden müssen, damit sie als
Partner der Künstler überhaupt infrage kommen (wie als Partner
der Ärzte, der Produzenten und der Politiker). Besucherschulen professionalisieren
also das Publikum. Seit 1965 leitete Brock in Kunsthochschulen Klassen
für Zuschauer, Besucher, Zuhörer als Gegengewicht zu den künstlerischen
Selbstverwirklichungsanleitungen in den Künstlerklassen.
Bezug auf Brocks Besucherschulen zu den Kasseler Documenta-Ausstellungen
1968, 1972, 1977, 1982, 1992 und Hannover-Aktionen 1963, 1965, 1967
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5. Leben als Baustelle – Scheitern
als Vollendung
Schönheit des Häßlichen
Thementotem und Performancerahmen für Von der Heydt-Museum, Wuppertal
Unser Gehirn hat seine fabelhafte Fähigkeit in der langen Geschichte
der Evolution ausbilden können durch Herausforderungen der menschlichen
Lebensanstrengungen. Was das Gehirn kann, spiegelt also die Probleme,
mit deren Bearbeitung es im Laufe der Evolution beschäftigt war.
Bevor wir neue Konzepte der Humanisierung entwerfen, sollten wir besser
kennenlernen, wie wir von der Evolution ausgestattet wurden. Von Natur
aus sind wir auch kulturpflichtig. Erst wer die Natur der Kulturen kennt,
hat Chancen, ohne brutale Erzwingungsstrategie wünschenswerten Zielen
der Menschheit mit Vernunft entsprechen zu können; also Hominisierung
vor Humanisierung. Für diese unumgängliche Selbstaufklärung
steht die Metapher Leben als Baustelle; gefordert werde experimentelle
Selbsterfindung, Erprobung von Biographieentwürfen und schließlich
Verpflichtung auf einen zukünftigen Lebenslauf. Da dergleichen, wie
die meisten Experimente, durch Scheitern aussagenträchtig wird, sollte
man nach dem Beispiel der Künstler trainieren, immer besser und gewinnbringender
zu scheitern.
Bezug auf Brocks Kooperation mit Heiner Mühlmann:
„Die Natur der Kulturen“ und Wuppertal, „24 Stunden“
Happening 1965, Lehrtätigkeit an der Bergischen Universität
Wuppertal, Ausstellungen im Von der Heydt-Museum, Wuppertal |
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6. Rettungskomplett – Gorgonisiert
euch! –
Revolution des Ja.
Thementotem und Performancerahmen für Neue Galerie am Landesmuseum
Joanneum, Graz
Die Richtung weist der Sturm aus der Zukunft, den wir Alter nennen –
also immer gegen den schärfsten Wind, das zeigt den Weg. Unsere Optionen:
eingraben, panzern, rückwärts gehen mit verstärkter Körpermasse
(Fettleibigkeit weist auf Lebensängste, man expandiert zum Hindernis).
Das sind schöne Bilder von Rettungskompletts wie Notquartiere,
technische Hilfswerke, Suchhundtrupps und blütenweiße Rot-Kreuz-Schwestern.
Aber die stärkste Kraft des Widerstands ist das Ja-sagen –
gerade zu den schwersten Herausforderungen Ja-sagen (meinte Friedrich).
Den offensichtlichen Widerstand vereinnahmt das Regime mit Toleranzpathetik
– aber totale Zustimmung überwältigt. „Dienst nach
Vorschrift“ ist der erfolgreichste Widerstand. Die grauenerregende
Gorgo wird nur durch ihre eigene Zerstörungskraft bezwungen. Das
nennt man negative Affirmation oder die Revolution des Ja. In historischer
Sprache: der Charme der Österreicher ist purer Widerstand.
Bezug auf Brocks Teilnahme an Mohammed Müllers Tunnelprojekt
Graz-Windisch Gräz, getragen von der fabelhaften Werkstadt Graz des
Joachim Baur; Brocks Begründung der Neuroästhetik, Steierischer
Herbst 1979, TV-Besucherschulen mit dem ORF/Graz
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7. Uchronie – Extratemporale Zonen
– Ewigkeitsmanagement
Thementotem und Performancerahmen für Haus der Kunst, München
Die menschlichen Leben unterliegen zwei Regimen: dem Regime der Zeitlichkeit
und dem Regime der Ewigkeit. Im ersten Regime regiert die Strukturierung
der Zeit nach Stunden und anderen kalendarischen Strukturen. Das zweite
Regime versucht die Spuren des menschlichen Lebens der Zeitfurie des Verschwindens
zu entziehen und dauerhaft zu bewahren in Tempeln, Archiven und Museen.
Dabei wird das Walten der Zeit an dem gemessen, was in den uchronischen,
den zeitfreien Zonen unverändert bleibt, und die Ewigkeitsstandarts
werden an dem Wandel der Zeiten geeicht.
Vom Ankh-Zeichen der Pharaonen bis zum Handtäschchen der Lady Thatcher
verfolgen wir die irdischen Zeichen für alle Versuche, Dauer zu erzwingen.
Bezug auf Brocks Münchener Performance „Selbsterregung
– eine rhetorische Oper zur Erzwingung der Gefühle“,
1989 |
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8. Eine schwere Entdeutschung –
Widerruf des 20. Jahrhunderts
Thementotem und Performancerahmen für Contemporary Fine Arts, Berlin
In zahlreichen Ausstellungen, Büchern, Filmen und Action Teachings
hat Bazon Brock das Forum Germanorum, „das Troja unseres Lebens
zwischen Landwehrkanal, Anhalterbahnhof, Kochstraße, Wilhelmstraße,
Potsdamer Platz, Saarlandstraße“ durchforscht, Quadratmeter
für Quadratmeter. Zunächst anhand Nietzsches Anleitung: „ehrwürdig
und heilbringend wird der Deutsche erst dann den Nationen erscheinen,
wenn er gezeigt hat, daß er furchtbar ist und es doch durch Anspannung
seiner höchsten und edelsten Kunst- und Kulturkräfte vergessen
machen will, daß er furchtbar war“. Diese Ehrwürde und
Heilsbringung können wir nicht mehr reklamieren. Dann also mit Axel
Springer aus der Apsis der Jerusalem-Kirche: Statt mit Wagner und Herzl
versuchen wir es noch einmal mit Mendelsohn und Mendelsohn.
Bezug auf Brocks „Im Gehen Preußen verstehen“,
1981 ff; Ausstellungen, Filme, Action Teachings im IDZ, SFB, auf Festwochen
DHM |
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9. Pathosinstitut AZ – Opferolympiaden
Thementotem und Performancerahmen für Museum der bildenden Künste,
Leipzig
Gegenwärtig scheint sich individuelles wie soziales Pathos aus
dem Wettbewerb um die tragischsten Opferrollen zu ergeben. Der gewünschten
Victimisierung entspricht eine gleichzeitig beobachtbare durchgehende
Infantilisierung der Gesellschaft durch lustvolle Identifikation mit schuldunfähigen
Kindern in Konsumparadiesen. Der Weigerung, erwachsen zu werden, also
Verantwortung zu übernehmen, ließe sich entgegentreten, indem
man übt, sich mit den Tätern zu identifizieren. „Niemals
wieder Opfer sein“, das ist tatsächlich AZ, der Andere Zustand
der Autonomie.
Bezug auf die Leipziger Montagsdemonstrationen
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10. Der verbotene Ernstfall –
Die Gottsucherbanden
Thementotem und Performancerahmen für Perforum – Seedamm
Kulturzentrum, Pfäffikon/Zürich
Die bekannteste Erzwingungsstrategie des Absoluten heißt: Wir
wollen Gott und damit basta. Weltweit hat man inzwischen verstanden, was
dieser Fanatismus der Gottsucherbanden anrichten kann. Dabei fühlen
sich die Gottsucherbanden durch ihre Kulturen und Religionen legitimiert,
Prophetien und Programme wortwörtlich zu nehmen. Dagegen wurde Aufklärung
über Dogmatiken und Wahrheitsradikalität entwickelt, die wir
als Zivilisierung der Kulturen zuerst gegen unseren eigenen Anspruch auf
exklusive kulturelle Identität vorantreiben müssen.
Der Schweizer Oberst Divisionär Bachmann bekundete öffentlich
auf der Tagung „Kultur und Strategie, Kunst und Krieg“, daß
B.B. mit dem Theorem vom verbotenen Ernstfall als erster die Schweizer
und damit die zukünftige Verteidigungsstrategie entwickelt habe.
Schon heute gilt die Null-Toten-Doktrin in westlichen Armeen.
Bezug auf Brocks Aktionen und Ausstellungen seit 1957
in Basel, Bern und Luzern und die Research Family „Kultur und Strategie“,
1997 ff |
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11. Kunst als Evidenzkritik –
Erkenntnisstiftung durch kognitive Objekte
Thementotem und Performancerahmen für Sammlung Falckenberg, Hamburg
Werbung für Produkte, Propaganda für Parteien oder Kirchen
zielen darauf ab, dem Adressaten eine eigene Augenscheinbestätigung
für eine Behauptung nahezulegen. Aber jeder Richter, jeder Arzt,
jeder Wissenschaftler weiß, wie vorsichtig man mit Augenzeugenschaft,
mit Sinnfälligkeit umgehen muß. Seit 600 Jahren sind die bildenden
Künstler darauf spezialisiert, den Augenschein zu problematisieren,
also behauptetet Evidenz zu kritisieren – aber nicht nach dem Muster
der religiösen Bilderverbote, sondern als Darstellung des Undarstellbaren,
also als Bilder des Bilderverbots. Nur das Falsche ist als das erkannte
Falsche noch wahr – Nichtnormative Ästhetik der Fakes: Wenn
auch niemand, der sich der Aufklärung verpflichtet, Wahrheit als
Letztbegründung in Anspruch nehmen wird, muß der doch nicht
auf den Bezug zur Wahrheit, Schönheit und Gutheit verzichten und
in Beliebigkeit versinken. Es genügt, etwas als falsch, häßlich
oder bösartig zu erkennen; denn die Aussage „dies kann keine
unbedingte Geltung haben“, ist ja wahr. Fakes sind Artefakte als
Produkte oder Kunstwerke, die bewußt signalisieren, daß sie
bloß häßlich, fragmentarisch, banal, beliebig etc. sind,
um dem Betrachter zu bedeuten: Wenn du etwas kaputt nennst, mußt
du denknotwendig den Begriff des Heilen bilden, wenn dir etwas häßlich
erscheint, mußt du dich denknotwendig an der Schönheit orientieren,
auch wenn eben diese Ganzheit, Schönheit, Wahrheit nirgends in absolut
verbindlicher Weise vorgegeben ist.
Bezug auf Brocks Action Teachings, Ausstellungen, Filme
im NDR, an HBK Hamburg, im Kunstverein Hamburg |
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2005 |